Mecklenburgs Volkssagen

 

 

Eine kleine Auswahl aus den Wohnorten meiner Vorfahren

 

 

 

 

 

 

Alt Gaarz, Berendshagen, Biestow, Börgerende, Boitin, Brodhagen, Brunshaupten, Buchholz, Doberan, Fahrenholz, Hohen Luckow,

Hohen Sprenz, Lichtenhagen, Malchow, Marxhagen, Dorf Mecklenburg, Rethwisch, Retschow, Rostock, Satow bei Doberan,

Schwaan, Selow, Sülze, Waren, Warnemünde, Wattmannshagen, Wittenbeck, Ziesendorf

 

 

 

 

 

Alt Gaarz

 

Der spukende Fischer auf der Ostsee bei Alt-Gaarz, unweit Neu-Bukow 3

 

Charfreitag war's, feierlich ertönten von dem Kirchthurme zu Alt-Gaarz die Glocken und luden ein zum gemeinsamen Dienste des Herrn. Während alle die gottesfiirchtigen Strandbewohner, diesem Rufe folgend, im Feststaate zur Kirche eilten, dort beteten, die Predigt hörten und Gott, ihren Schöpfer lobeten und priesen, fahr Einer von ihnen, der Fischer Hans Peter, in seinen alltäglichen Kleidern hinaus in die See, um Angeln auszuwerfen. Für diesen gab es nämlich keinen Festtag; er glaubte nicht an Gott, nicht an Seine Gerechtigkeit, nicht an ein Fortleben der Seele und eine ewige Glückseligkeit; er war ein gottloser, wilder, roher und gefühlloser Geselle.

Obgleich Hans Peter auch von seinem Nachbar aufgefordert war, mit in das Gotteshaus zu kommen, obgleich ihn auch sein braves Weib flehentlich und mit Thränen in den Augen gebeten, sie, nach eben erst überstandenem Wochenbette, dorthin zu begleiten, um gemein­schaftlich mit ihm dem Höchsten ihr Dankgebet darzubringen für ihre glückliche Genesung, für die gnädige Erhaltung ihres lieben, zarten Säuglings, so hatte ihn doch nichts, weder Bitten noch Vorstellungen, erweichen und zum Mitgehen bewegen können. Spottend und Gott verhöhnend ging er dahin, warf seine Angelgeräthschaften über die Schulter und stach bald darauf in See.

Als Hans Peter die hohe See erreicht, begann er, die Melodie eines leichtfertigen Liedes vor sich hinpfeifend, seine Angeln auszuwerfen. Es war ein prächtiger Frühlingsmorgen; die Sonne beleuchtete mit ihren Alles belebenden und erquickenden Strahlen die, wie ein Spiegel ruhig und klar daliegende, große, weite Meeresfläche. Hans Peter sah von seinem Bote aus den weithin sichtbaren Thurm der heimathlichen Dorfkirche, und deutlich hörte er den frommen Gesang der dort versammelten alt-gaarzer Gemeinde. Es war so friedlich, so feierlich und schön in Gottes herrlicher Natur; unserm gottlosen Fischer aber rührte das Alles nicht. Sein verstocktes Herz fühlte und empfand nichts; kalt und gleichgültig blieb er bei allen den ihn umgebenden Naturschönheiten, bei dem feierlichen Gesänge der frommen Kirchengänger, der durch die Stille des Morgens zu ihm herüber drang, ja er lachte und spottete sogar über Beides und verhöhnte aufs Neue Gott und Sein Wort.

Doch der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der Seinen Namen mißbraucht; ob früher oder später, den Schänder des dritten Gebots, den Spötter Seines heiligen Namens ereilt doch gewiß immer die wohlverdiente Strafe. Hier sollte sie sofort erfolgen. Denn plötzlich erhob sich ein Wirbelwind, hohe Wellen thürmten sich auf, warfen das leichte Fahrzeug gleich einem Federballe hin und her und verschlangen bald darauf Fischer und Kahn.

So fand der schlechte Hans Peter, ohne Reue und Buße, tief unten auf feuchtem Meeres­grunde sein einsam Grab.

Seit dieser Zeit soll nun an jedem Charfreitage der Fischer in seinem Bote auf der See bei Alt-Gaarz erscheinen und dort während des Vormittags-Gottesdienstes ruhelos umherfah­ren; gleichsam zur Mahnung für die Strandbewohner, stets nur auf Gottes Wegen zu wan­deln und den Tag des Herrn heilig und in Ehren zu halten!

 

 

Das Duell der Todten in der Kirche zu Alt-Gaarz bei Neu-Bukow 3

 

Auf der Halbinsel Wustrow, die sich im Norden Mecklenburgs tief in die Ostsee hineinzieht, lebte vor etwa 150 Jahren ein reicher Gutsbesitzer, Herr von der K... war sein Name. Er war auch zugleich Patron der Kirche zu Alt-Gaarz, welcher Ort hart am Eingange der Halbinsel Wustrow liegt.

Dieser Herr von der K. hatte das Recht, mit seiner Equipage auf den Kirchhof fahren zu dürfen. - Noch jetzt bezeichnen uns 4 eiserne Ringe an seiner Kapelle den Ort, wo man die Rosse während des Gottesdienstes festband.

Um dieses Recht war er schon vielfach beneidet worden, besonders verdroß es den stolzen Herrn von P..., damaligen Erbherrn auf Mechelsdorf. Schon lange hatte er sich mit dem Gedanken getragen, es dem Erbherrn auf Wustrow entgelten zu lassen, ein solches Vorrecht zu besitzen, und bald bot sich ihm eine günstige Veranlassung dar.

Er führ nämlich einmal zur Kirche, und Herr von der K. war nicht da. Ohne sich zu besinnen befahl er seinem Kutscher, auf den Kirchhof zu lenken und auch an der Kirche, bei der Kapelle des Erbherrn auf Wustrow anzuhalten. Es geschah; doch glücklicherweise kam Letzterer nicht zur Kirche, sonst würde sich schon hier auf dem Friedhofe zwischen den beiden Gegnern, die sich tödtlich haßten, ein Duell auf Leben und Tod entsponnen

Aber schon Mittags erfuhr Herr von der K., wie frevelntlich der Erbherr auf Mechelsdorf in seine Rechte gegriffen. Zornglühend bestieg er sein Reitpferd und sprengte in stürmender Hast nach Mechelsdorf, um ihn im Duelle für die höhnende Verletzung seines Rechtes zu züchtigen. Nur ein einziger treuer Diener begleitete ihn zu Pferde und überbrachte Herrn von P. die Herausforderung auf Leben und Tod.

Dieser saß eben an der Mittagstafel, als der Diener des Erbherrn von Wustrow keck in den Saal trat und ihm den Fehdehandschuh seines Herrn vor die Füße warf.

Herr von P. ergrimmte über eine so kühne Herausforderung, langte schnell zwei Pistolen aus seinem Waffenschranke und sprach, ohne den Handschuh aufzuheben, zu dem Diener:

"Deinem Herrn soll sein Recht werden!" Er eilte hinaus auf den Hof, wo hoch zu Roß mit blitzendem Säbel der Erbherr von Wustrow hielt.

Herrn von der K.'s Auge funkelte in wildem Grimme und mit zornbebender Stimme donnerte er seinem Gegner entgegen:

"Zu den Waffen! Rache dem Beleidiger!"

Doch Herr von P., ohne ihn einer Antwort zu würdigen, erhob sein Pistol und drückte es ab auf das Herz des Erbherrn von Wustrow.

Nur zu gut traf der Schuß. Ohne einen Schrei auszustoßen sank Herr von der K. entseelt vom Pferde. Das treue Roß aber, als fühle es den Verlust seines Herrn, jagte davon in fliegender Hast, heim nach dem Schlosse seines so schmählich ermordeten Herrn, um dort die Trauerbotschaft den ängstlich Harrenden zu verkünden. Der treue Diener sprengte in wildem Galopp hinter drein; denn auch auf ihn hatte Herr von P. losgedrückt, um ihn für die kühne Forderung zum Zweikampfe zu strafen. Wovon das mit Schweiß und Blut bedeckte Pferd schon eine Ahnung auf Wustrow eingeflößt, davon brachte der Diener Gewißheit.

Aber auch noch jetzt war die Rache des stolzen Herrn von Mechelsdorf nicht befriedigt, noch im Tode wollte er seinen so bitter gehaßten Feind beschimpfen.

Er ließ den Leichnam nach Alt-Gaarz schleifen und dort auf die Dünen am Eingange der Halbinsel Wustrow werfen, wo die kühlen Wellen der Ostsee

den Leichnam netzten und das Blut von seinen Wunden spülten.

Hier fanden ihn die Gutsinsassen von Wustrow. Er wurde nach seinem Schlosse gebracht und wenige Tage hernach unter langer Klage in serner Familiengruft beigesetzt.

Aber die göttliche Vergeltung ruhte nicht ob solcher fluchwürdigen That. Wenige Tage später ereilte auch den Mörder ihr rächender Arm, und auch den Herrn von P. begrub man in der Kirche zu Alt-Gaarz, nicht weit vom Altare.

Nun aber war der sanfte Frieden, so sonst auf diesem stillen Gotteshause ruhte, geschwunden, und die heilige Stille im Innern der Kirche wurde durch einen tobenden Lärm, untermischt mit Waffenruf und Schwerterklang, gestört. Am hellen Mittage sowol, als im stillen Dunkel der Nacht vernahm man von dieser Stätte des Friedens ein nie endendes Waffengeklirre, als ob zwei erbitterte Feinde im wüthenden Handgemenge mit einander seien.

Dies war natürlich Allen auffallend, und einige beherzte Männer wagten sich am hellen Tage hinein, in die hehren Räume des Gotteshauses, um die Ursache des Lärms zu ergründen. Da war zwar Alles still, und nur Ruhe und Frieden schien in der Kirche zu wohnen; aber waren sie wieder hinausgegangen, dann vernahm man wieder dasselbe Getöse, denselben Waffenschall, dasselbe durchdringende Angstgeschrei und das Röcheln eines von der scharfen Klinge zum Tode Verwundeten. Darnach schien dann Alles still zu werden.

Aber auf's Neue entbrannte der Kampf, stärker und gellender wurde das Angstgeschrei des Sterbenden, heller und durchdringender ertönte der Triumphruf des Siegers. Entsetzt flohen Alle davon, Niemand wagte sich in die sonst so friedlichen Räume des Gotteshauses hinein, Jeder befürchtete, es könne ihn der scharfe Stahl der unsichtbaren Kämpfer treffen.

Verödet stand die Stätte des Friedens; sie, sonst der Sammelplatz einer großen Volksmenge, stand nun vereinsamt da, jetzt nur noch ein Kampfplatz von unseeligen, feindlichen Geistern, die selbst im Tode keine Ruhe hatten.

Als zuletzt weder Prediger noch Küster über die Schwelle des Gotteshauses zu treten wagten, sah man sich genöthigt, die Leichen der beiden erbitterten Feinde zu trennen und damit den Kampf zu beendigen.

Die Leiche des Herrn von P. wurde aus der Gruft genommen, nach Wismar gebracht und dort begraben.

Seitdem herrschte wieder Ruhe im Gotteshause zu Alt-Gaarz.

 

 

Berendshagen

 

Versunkener Ritter in Berendshagen 4

 

Der Gutsherr von Bassewitz auf Hohen Luckow war dafür bekannt, dass übernatürliche Kräfte ihn in die Lage versetzen, Dinge zu vollbringen, zu denen andere Menschen nicht fähig waren.

So brach im 13. Jh. in Berendshagen ein Feuer aus, das das ganze Dorf zu vernichten drohte. Der Feuerschein erreichte auch Hohen Luckow, und Herr von Bassewitz eilte seinen Freunden auf Gut Behrendshagen zu Hilfe. In schnellem Galopp erreichte er das Gut noch rechtzeitig. Seine Fähigkeit, das Feuer durch Besprechen zum Einhalt zu bringen, erwies sich als nützlich und verhinderte weit größeren Schaden.

Doch dann war der Reiter samt Pferd für immer verschwunden. Alle Suche blieb ohne Erfolg, und man glaubte an ein Bündnis mit dem Teufel. In späteren Jahrhunderten wurde eine Reinigung des Burggrabens erforderlich. Zum Erstaunen der Dorfbewohner fand man ein Schwert, Sporen, eine Schuhsohle, einen Becher und den Schädel des Pferdes. Das Pferd soll von edler Rasse gewesen sein, und die Fundstücke sind auf das 13. Jahrhundert datiert, just auf die Zeit, als in Berendshagen die Feuersbrunst wütete. Vom Reiter selbst fehlte jedoch jede Spur. So schien sich die Sage bestätigt zu haben.

 

 

Biestow

 

Der gefährliche Trunk 1

 

Südöstlich von dem Dorfe Kritzmow, ungefähr dreiviertel Meilen von Rostock entfernt, liegt ein Berg, der >>Mönken-<<, >>Goldener<< oder >>Hexenberg<< genannt wird. In diesem Berge wohnten vor Zeiten Unterirdische – Zwerge, ein harmloses Völkchen, welche mit den umwohnenden Menschen in Frieden lebten und sich ihnen oft dienstfertig bewiesen. Wurden sie aber zum Zorne gereizt, so suchten sie ihre Rache zu befriedigen. Ihr Getränk, ein gutes Bier, brauten sie selber, holten sich aber das dazu erforderliche Gerät in der Nacht aus einem benachbarten Bauernhause, wofür sie sich dankbar erzeigten und die Einwohner dieses Gehöfts nicht allein stand verhalfen.

An diesem von den Zwergen bewohnten Berge liegt ein bedeutendes Torfmoor, damals dicht mit Holz und Busch bestanden. Hier hütete die Jugend des Dorfes nach damaliger Sitte des Nachts die Pferde. Diese Hirten aber waren gewöhnlich selber zu Pferde.

Das Knallen mit Peitschen in der Nacht war nun den Unterirdischen sehr zuwider, und sie hatten es sich schon oft merken lassen, daß sie dadurch in ihrer Ruhe gestört würden.

Unter den Knaben des Dorfes zeichnete sich einer durch seinen Mutwillen aus und suchte fortwährend die Unterirdischen zu ärgern. Als er einst in einer hellen Nacht das Knallen betrieb, kam ein kleines Männchen auf ihn zu mit einem silbernen, inwendig vergoldeten Becher in der Hand und bot ihm ein Trunk daraus an. Der Hirtenknabe ergriff den Becher, aber statt zu trinken, wandte er, da er nichts Gutes vermutete, rasch das Pferd und jagte davon auf dem Wege nach Biestow und Rostock. Der Unterirdische eilte rasch hinter ihm her, mußte aber, als er an einen Kreuzweg kam, unverrichteter Dinge wieder umkehren.

Der Knabe, der sich noch immer verfolgt wähnte, hielt nicht eher an, als bis er sich in dem Kirchdorfe Biestow befand, mit seinem Becher in der Hand. Von der im Becher vorhandenen Flüssigkeit war ein großer Teil verschüttet, besonders beim Umsehen, auf den Schwanz des Pferdes. Wie dieser Trunk beschaffen war, zeigte sich nun, denn die Haare des Schwanzes und wohin sonst noch ein Tropfen gefallen war, erschienen ganz verbrannt.

Der Knabe war froh, dieser Gefahr entronnen zu sein, dankte Gott und schenkte den Becher der Kirche zu Biestow.

 

 

Börgerende

 

siehe Rethwisch

 

 

Boitin

 

Der Steintanz bei Boitin 1

 

Auf dem Wege von Zernin nach Boitin [Kr. Bützow] kommt man in einen Buchenwald; in demselben liegt ein kleiner See. Von ihm gelangt man nach einer Anhöhe, auf der drei Kreise von Steinen zu treffen sind. In dem einen Kreise befinden sich neun, in den andern beiden Kreisen je sieben Steine. Der eine Stein führt den Namen die >>Kanzel<< und ist mit einem kleinen Auftritt versehen; ein anderer mit dreizehn viereckigen kleinen Löchern heißt die >>Brautlade<<. Die Steine insgesamt nennt man den >>Steintanz<<.

Einst versammelten sich hier die Wenden und brachten ihrem Gotte Radegast blutige Opfer dar. Schauerlich tönte dann der Todesschrei eines Kriegsgefangenen durch den stillen Wald. Als dann das Christentum in Mecklenburg Einzug fand, vergaß man allmählich die Opferstätte. Wer aber nach Jahrhunderten auf der Anhöhe mit den merkwürdigen Steinen stand, machte sich seine Gedanken; und dann ging die folgende Sage von Mund zu Mund:

In der Nähe der Stelle lag vor vielen Jahren das Dorf Dreetz, in welchem viele reiche Bauern wohnten. Einst wurde im Dorfe eine Hochzeit gefeiert, bei der es lustig herging. Zuletzt verfielen sie im Übermut auf den Gedanken, mit Würsten und Broten Kegel zu spielen. Da traf sie die Strafe des Himmels; sie wurden sämtlich, Kegelspieler und Tänzer, ebenso die reichgefüllte Brautlade, in Stein verwandelt. Nur ein Schäfer, der an dem Spiele nicht teilgenommen hatte, war durch einen Geist ermahnt worden, schleunigst zu entfliehen; auch hatte man ihm ernstlich bedeutet, sich auf der Flucht nicht umzusehen. Als er aber das Dorf fast erreicht hatte,

ließ ihn die Neugierde nicht ruhen; um aber das Verbot zu umgehen, bückte er sich und sah zwischen seinen Beinen durch. Da wurde auch er samt seinem Hunde in einen Stein verwandelt. Der Hund liegt etwa hundert Meter vom Steintanz entfernt. Der Schäfer befindet sich auf einer Büdnerei in Boitin und ist dort zum Fundament einer Scheune verwandt worden.

Am Johannistage hängt aus der Brautlade ein roter Faden heraus. Wer Mut genug hat, ihn herauszuziehen, kann den Schatz heben.

 

 

 

 

Brodhagen

 

Ein Zwerg kauft Korn 1

 

In Brodhagen bei Doberan ist ein Berg, der heißt >>Bullenberg<<, weil da ein Bulle und eine Kuh herausgekommen sind. Nun ist da einer gekommen zu dem Bauern Penzin, ob er keinen Hafer zu verkaufen habe. >>Ja.<< Sie werden handelseinig. Der Bauer fragt, wo er den Hafer hinbringen soll. >>Nah ’n Bullenbarg’.<< - >>Is de Barg’ apen?<< Er hat gemerkt, dass da etwas ungewöhnlich ist. Sonst hat er nie beobachtet, dass dort etwas offen gewesen ist.

Der Bauer und sein Knecht bringen den Hafer hin und tragen ihn hinein in den Bullenberg. Darin ist nichts zu sehen. Als sie den Hafer ausgeschüttet haben, denken sie: >>Wer betahlt dat Kuurn?<< Da lässt sich keiner sehen. Nun stehen da ein Tisch und zwei Stühle und zwei Teller und ein Messer: Für zwei Mann ist gedeckt. Der Bauer sagt zu seinem Knecht: >>Willen man äten.<< Da liegt dort eine Kuh, die ist justament geschlachtet. Sie sind eben davon weggegangen. Sie haben das Fell abgezogen; das Fell liegt so bei der Kuh. Das Fleisch sieht so gelb und schön aus. Da sagt der Bauer zuletzt zu seinem Knecht: >>Willen uns de halw’ Koh dörchschnieden un nah Huus nähmen, denn hebben wi doch wat för unsen Hawern.<<

Sie nehmen sich die Hälfte nach Hause. Der Bauer sagt: >>Wenn wi ’t nich äten koennen, is ’t doch wat för de Hund’n to fräten.<< Sie werfen das auf die >>Hill<< [den seitlichen Dachboden] hin. Abends wollen sie etwas abschneiden von dem Fleisch, das wird auf der Diele dem Hund hingeworfen: Da ist das alles Geld. Das andere Fleisch ist hinterher verschwunden gewesen.

 

 

Brunshaupten

 

Der Seeräuber von Brunshaupten 1

 

In den Diedrichshäger Bergen [bei Rostock] oder in der Kühlung gab es in alten Zeiten manch schönes Versteck. Dort hatte auch ein Seeräuber namens Bruhns, der sein Unwesen auf der Ostsee trieb und den Seehandel beunruhigte, seine Behausung.

Als aber Rostock in den Hansabund aufgenommen worden war, wurde auch von hier aus Jagd auf die Wegelagerer zur See gemacht und Bruhns dabei gefangengenommen. In der Not versprach der Seeräuber, daß er sein bisheriges Geschäft aufgeben wolle, wenn er aus der Gefangenschaft entkommen sollte. Auch gelobte er, unweit des Ortes, wo er seine Schlupfwinkel gehabt hatte, eine Kirche bauen zu wollen.

Bruhns kam frei und fand auch seine Waffen und Schätze wieder. Sein Gelöbnis war kein bloßer Notschrei gewesen; denn er ging alsbald aus, einen passenden Platz für seine Kirche zu suchen. Ein kleines Flüßchen, das von den Diedrichshäger Bergen herunterkam und dicht am Strande in einen Warnowarm mündete, zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Wie er am rechten Ufer dieses Flußarms entlangging, fand er den geeigneten Ort für seinen Bau. Wenn die Kirche auch nicht groß geriet, so wurde sie doch recht stark gemauert. Sie reichte für die damalige, nicht zahlreiche Gemeinde vollkommen aus. Auch der kleine, ganz aus Holz gebaute Turm genügte den Christenleuten. Der einstige Seeräuber Bruhns aber schlug der Kirche gegenüber seine Hütte auf, fing ein ordentliches Leben an und nährte sich manches Jahr redlich vom Ackerbau.

So entstand das Dorf Bruhnshof, woraus später Brunshöfen und endlich Brunshaupten geworden ist.

 

Die Speisekammer bei Brunshaupten 1

 

Zwei Leute aus Unterhagen zogen eines Tages ihre langen Furchen mit den Haken um einen auf der Feldmark von Brunshaupten liegenden Hügel, dessen eine steile Seite gewöhnlich die >>Speisekammer<< genannt wird. Daß es an diesem Orte allemal nicht recht geheuer sein soll, ist allen wohlbekannt, die dort zu schaffen haben. So hält sich besonders zur Mittagszeit zwischen zwölf und ein Uhr nicht gern jemand in der Nähe auf. Auch unsere Häker wissen das und horchen emsig, damit der Ton der Betglocke ihren Ohren nicht entwischte. Trotzdem haben sie die Glocke diesmal doch nicht gehört.

Eben kommt der eine nach der Speisekammer, da verbreitet sich dort ein gar lieblicher Geruch, wie von guten Speisen herkommend. >>Ach<<, ruft er dem anderen zu, >>hier riecht's nach prächtigem Essen, davon möchte ich wohl etwas haben.<< Er blickt dabei nach dem Ort, woher der Geruch kam, und siehe, da steht eine Schüssel mit appetitlicher Speise und zwei Löffeln darinnen. Der andere Häker kommt auf den Ruf des ersten herbei. Beide stehen voll Staunen und betrachten das dampfende Essen, bis sie sich endlich durch den lieblichen Geruch desselben einladen lassen, die Schüssel bis auf den Grund zu leeren.

Nach gehaltener Mahlzeit sprach der eine sein >>Danke!<< und legte ein Schilling in die Schüssel. Der andere aber, ein roher Mensch, nahm den Schilling heimlich wieder heraus und verunreinigte die Schüssel noch obendrein. Der Undankbare aber entging seiner Strafe nicht. Von Tag zu Tag wurde er kränker und elender, und wie die Tage vergingen, so schwand auch seine Lebenskraft. Der Dankbare dagegen genoß nicht allein Gesundheit und Frohsinn, sondern wurde mehr und mehr reich an irdischen Gütern.

 

 

Buchholz

 

Ein Stein wird zu Glocke 1

 

Zwei Kinder aus Buchholz bei Schwaan, ein Knabe und ein Mädchen, hüteten die Gänse in der Nähe eines auf dem dortigen Felde befindlichen Berges. Als der Knabe gegen Mittag nach dem Dorfe ging, um zu essen, und das Mädchen allein nach den Gänsen zu sehen hatte, wurde sie plötzlich gewahr, daß auf dem Berge vier ziemlich große Steine standen, welche sie sonst noch nie da gesehen hatte.

Die Neugierde trieb das Mädchen, die Steine näher zu betrachten. Sie setzte sich neben einen derselben, und da der Stein recht hübsch und glatt war, so schlug sie mit ihrem Strickstock daran. Sie war verwundert, als der Stein davon einen leisen, aber hellen Klang von sich gab, und setzte deshalb dieses Anschlagen eine Zeitlang fort. Darüber hatte sie aber die Gänse nicht beachtet, und als sie an diese dachte und sich umsah, gingen sie bereits zu Schaden. Das Kind legte deshalb rasch ihr Strickzeug auf den Stein und trieb die Gänse wieder dahin, wo sie grasen sollten. Dann ging sie wieder auf den Berg nach ihrem Stein. Sie konnte es aber nicht begreifen, daß jetzt nur der eine Stein, worauf ihr Strickzeug lag, vorhanden war. Von den drei andern konnte sie keine Spur gewahr werden.

Als das Mädchen in das Dorf zurückkam, erzählte sie, was sie gesehen und erlebt hatte. Anfangs wollte ihr niemand glauben. Als sie aber dabei beharrte, daß ihre Erzählung wahr sei, entschlossen sich doch einige, dahin zu gehen und den klingenden Stein zu besehen. Wie groß war aber dieser Leute Erstaunen, als sie freilich keinen Stein, wohl aber eine schöne große Glocke vorfanden, welche nun feierlich ins Dorf geholt und der Kirche geweihet wurde.

Von den andern drei Steinen oder Glocken hat man nie wieder etwas gesehen.

 

Die spukende Tonne von Buchholz 1

 

Das Kirchdorf Buchholz [Kr. Rostock] hat, wie fast alle alten Dörfer, einen Teich mitten im Dorfe. Durch das Dorf geht die alte Landstraße von Bützow nach Rostock. Auf diesem Wege, von Süden her, vom sogenannten Kirchende, kommt alle Nacht eine Tonne ins Dorf gerollt und stürzt sich in den Teich. Obgleich sie niemanden Schaden zufügt, der sie zufällig auf ihrer Wanderung sieht, so ist es doch bei allen solchen Erscheinungen nicht gut, wenn man absichtlich darauf ausgeht, sie zu sehen und zu beobachten. Ein solcher Fürwitz wird allemal bestraft.

Es fand sich einmal im Dorfe ein beherzter Knecht, der bei einem Bauern diente, dessen Gehöft an dem bezeichneten Wege lag. Dieser Knecht stellte sich eines Abends so, daß er die Tonne sehen konnte, wenn sie ankommen und im Teiche verschwinden würde; und zur Vorsicht hatte er alle Türen hinter sich offen gestellt, daß er im Notfalle nach seiner Schlafstelle bei den Pferden flüchten könnte. - Als nun indes die Zeit herankam, worin die Tonne herbeizurollen pflegte, da ergriff den Neugierigen eine solche Angst und Beklommenheit, daß er in vollem Laufe nach seiner Lagerstätte eilte. Aber auf der großen Diele des Viehhauses, über welche sein Weg ihn führte, erhielt er einen so derben Schlag ins Gesicht, daß er fast alle Besinnung verlor und kaum das Bett erreichen konnte. Die Nacht brachte er schlaflos und schweißtriefend zu, auch war er mehrere Tage zur Arbeit unfähig.

Es war freilich nur eine Harke gewesen, die auf der Diele gelegen und dem Knechte, da er darauf getreten, den Schlag versetzt hatte. Aber es war doch die Strafe seiner unbesonnenen Neugierde, und er konnte froh sein, daß ihm nichts Ärgeres widerfahren war.

 

 

Doberan

 

Der Hirschkopf in der Kirche zu Doberan 3

 

Unter den vielen Merkwürdigkeiten und Alterthümern, woran die doberaner Kirche be­kanntlich so sehr reich ist, befindet sich auch ein Hirschkopf mit stattlichem Geweihe, der an einem Pfeiler beim Hochaltare befestiget ist und von dem man Folgendes erzählt:

Als nämlich im Jahre 1186 Fürst Heinrich Borwin I. von Mecklenburg beschloß, das zerstörte Cistercienser-Mönchskloster Doberan wiederherzustellen, wählte er für dasselbe nicht den alten Ort, sondern einen neuen und zwar aus dem Grunde, weil er, der Sage nach, ein Gelübde gethan haben soll, da das neue Kloster aufzubauen, wo er das erste Wild erlegen werde. Der Fürst tödtete nun auf der Stelle, wo noch heute die alte, prächtige doberaner Kirche steht, einen ausgezeichnet schönen Hirsch, und begann hier sofort den Bau dieser Kirche und des neuen doberaner Klosters.

Nach Vollendung der Kirche soll der Kopf des beregten Hirsches zur ewigen Erinnerung dort aufgehangen worden sein, wo er sich noch jetzt befindet.

 

 

Die verwünschte Prinzessin im Buchenberge bei Doberan 3

 

Hat der Leser sich schon einmal den schönen Flecken Doberan und seine Umgebung besehen, so wird er gewiß den sogenannten Buchenberg, der an der östlichen Seite des Ortes liegt, nicht unbeachtet gelassen haben. Viele Besucher ersteigen auch wol auf den an der westlichen, steilen Seite hinauf führenden Stufen den Berg und thun von da einen Blick auf die Gegend. Auch spaziert es sich dort unter den schlanken schattigen Buchen recht angenehm.

Alle Besucher haben hier den prächtigen Buchenhain, die umherliegenden schönen Gär­ten, die ehrwürdige Kirche, den hübschen Ort selbst gesehen; aber nur Wenige haben erst die fremde weiße Dame getroffen, die dort auch zuweilen ihren Spaziergang macht. Wer diese sicher zu treffen wünscht, und wol gar noch den Muth hat, sie zu erlösen, das heißt wenn er dazu geboren ist - denn sie ist eine verwünschte Prinzessin - der kann aus der hier folgenden Geschichte Tag und Stunde erfahren, wann es eben Zeit ist.

Im Sommer 1818 hütete ein Knecht des Holländers und Schäfereipächters Hinrichsen auf dem Kammerhofe bei Doberan die Schafe seines Herrn an der östlichen Seite des Buchen­berges. Es war am Tage vor Johannis in der Mittagsstunde und die Sonne schien sehr warm. Die Schafe standen im Schatten der Bäume und der Knechter ging sich im Kühlen hier hin und dorthin. Rings umher war es recht stille und einsam, denn die vornehme Welt ließ sich jetzt zu dieser Tageszeit noch nicht recht blicken, und die Arbeiter hielten ihre Mittagsruhe.

Und doch sah unser Schäfer heute eine Dame auf sich zuschreiten. Er pflegte sich wol zurückzuziehen, wenn sonst vornehme Herrschaften in seine Nähe kamen, doch diese Dame näher zu sehen, hatte er Lust; auch schien es ihm gar nicht einmal vornehm, um diese Zeit spazieren zu gehen.

Als die Dame soweit an ihn herangekommen war, daß er sie genauer betrachten konnte, da stutzte er doch. Er hatte nach seiner Meinung noch keine so vornehme Dame, als diese war, gesehen; und dabei war sie so sehr hübsch und schön von Angesicht.

»Ja,« dachte er bei sich, »mögen die Dämchen hier sich auch noch so hübsch finden, diese sollten sie einmal in Augenschein nehmen, dann wüßten sie, was hübsch ist.«

Das Gewand der schönen Dame hatte viel Auffallendes und war schneeweiß. Statt daß sie an den Schäfer still vorüber gehen sollte, ohne, wie er es sonst von den vornehmen Damen gewohnt war, auch nur zu grüßen, trat diese freundlich zu ihm heran. Er zog seine Mütze ehrerbietig, in der Meinung, sie werde ihn nach etwas fragen wollen, und horchte schon recht andächtig zu; denn er wußte schon aus Erfahrung, daß er die Sprache der fremden Herrschaften oft schwer verstehen konnte. Diesmal hatte er eben keine Ursache, über die Unverständlichkeit der Rede zu klagen; aber was er hörte, und um was die Dame bat, klang gar wundersam. Sie sprach also:

»Lieber junger Mann, Du kannst mir ein rettender Engel werden. Ich bin eine verwünsch­te Prinzessin, die schon viele hundert Jahre in diesem Berge hat schmachten müssen. Alle hundert Jahre, am Johannistage zwischen 12 und l Uhr ist meine Erlösung möglich. Mor­gen ist wieder die Zeit da, wo mich ein unbescholtener Jüngling, wie Du bist, retten kann.

Thust Du es, so mache ich Dich glücklich und sehr reich. Es ist auch keine Gefahr für Dich damit verbunden, sondern Du brauchst mich nur zu küssen, und der Zauber ist gebannt. Ich werde freilich nicht in meiner jetzigen Gestalt erscheinen, sondern als Kröte;

sobald Du aber Dein Werk vollbracht hast, siehst Du mich wie jetzt vor Dir. Als Kennzei­chen werde ich dieses rothe Bändchen - sie hielt es in der Hand - um den Hals tragen. Sprich ja,« bat sie dringend, »und wir sind beide glücklich!« -

Der Schäfer war tief gerührt und sein frommes Herz wollte nichts anderes als ein »Ja« herauslassen. »So geschehe es denn in Gottes Namen!« sprach er fest und ergeben.

Die Dame dankte ihm freundlich und wandte sich von ihm.

Am andern Mittage stellte der Schäfer sich richtig ein. Noch war er in seinem Entschlüsse nicht im Mindesten wankend geworden. Wenn er sich auch eines kleinen Schauders nicht erwehren konnte, so hatte er doch mit dem guten Gedanken, zwei Menschen glücklich zu machen, alles Andere wieder niederzuschlagen gewußt.

Jetzt stand er am bestimmten Platze und lauschte ängstlich. Da kam die Kröte mit dem rothen Bändchen am Halse. Sie hüpfte auf ihn zu und richtete sich empor, um ihn gleich­sam aufzufordern.

Schon bückte sich unser Schäfer, um den Erlösungskuß zu vollrühren. Auf einmal ergriff ihn aber eine namenlose Angst. Er sprang zurück und eilte mit Sturmesschritten den Berg hinunter. Doch ihn verfolgte nichts weiter, als das Jammern der armen Prinzessin.

Ihre wehklagenden Töne folterten ihn von da an fortwährend, und bald war er eine Leiche.

 

 

Fahrenholz

 

Die Wundereiche unweit der Landstraße zwischen Schwaan und Doberan 3

 

Nicht garweit von der Landstraße, die von Schwaan nach Doberan führt, zwischen dem Hofe Fahrenholz und dem Dorfe Stäbelow steht ein altehrwürdiger Eichbaum; früher allge­mein, ja weltberühmt, jetzt aber wol nur noch in der nächsten Umgegend bekannt, unter dem Namen »die Wundereiche«.

In der Mitte ihres Stammes, ohngefähr 12 Fuß von der Erde, befindet sich eine merkwür­dige Oeffnung, so groß, daß ein Erwachsener ganz gut hindurch kriechen kann. Diese Oeffnung ist mit einem Geländer umgeben, welches auf zwei von unten hinaufführenden, starken Treppen ruht.

Ihren Namen verdankt die Eiche der Wunderkraft, welche ihr sonst innegewohnt haben soll. Wenn nämlich früher ein Kranker nach Sonnenuntergang, stillschweigend und mit gläubigem Herzen durch die erwähnte Oeffnung kroch, so wurde er, der Sage nach, alsbald wieder gesund. Alle möglichen Krankheiten, Gebrechen und Leiden, welcher Art sie auch immer sein, welchen Namen sie auch immer führen mogten, kurz jegliches Uebel ist durch das Hindurchkriechen sofort beseitigt und geheilt worden.

Deshalb war es denn auch zu damaligen Zeiten, als die Eiche noch ihre ungeschwächte Heilkraft besaß, in dortiger Gegend immer ein gar arges Leben und Treiben, namentlich in dem Dorfe Stäbelow; denn nicht nur allein aus der Nähe, sondern auch aus weitester Ferne eilten fortwährend Schaaren von Kranken und Leidenden aller Art herbei. Arm und Reich, Vornehm und Gering, kurz Alle, welche sonst keine Hülfe und Heilung mehr erlangen konnten, kamen hierher und fanden jedesmal das Erhoffte, indem sie geheilt, frisch und gesund wieder von dannen zogen.

Weit und breit hin war schon der Ruf und Ruhm dieses Wunderbaumes gedrungen, und immer weiter noch, bis in die fernsten Gegenden dehnte er sich aus. Daher strömten auch immer mehr Hülfesuchende aus allen Ecken und Enden der Welt, aus allen Himmelsgegen­den hier zusammen; viele darunter, die über hundert Meilen Weg's hatten machen müssen.

Sobald die Sonne untergegangen war, sah man dann die armen Kranken sich still eine Leiter suchen, - damals existirte nämlich noch nicht das Geländer mit den beiden Treppen, - damit schlichen sie nach der Eiche, legten sie dort an, klommen hinauf und krochen gläubig durch die bewußte Oeffnung. Waren sie hindurch, so fühlten sie sich sofort wie von Neuem geboren, neue Lebenskraft durchströmte ihre Glieder, und frisch und gesund kletter­ten sie dann gewöhnlich gleich auf der andern Seite wieder hinunter und eilten, Gott dankend und freudig jubelnd, fix und leichtfüssig davon.

Unter den Genesung Suchenden befand sich einmal auch die Frau eines mecklenburgi­schen Landdrosten, die schon Jahre lang fortwährend krank und leidend war. Obgleich dieselbe auch schon alles Mögliche gethan und versucht hatte, so war's doch stets vergeb­lich gewesen; denn weder der Gebrauch der verschiedensten Brunnen und Bäder, noch alle die Kuren und Mittel der berühmtesten Aerzte hatten auch nicht das Mindeste gefruchtet, nicht die geringste Aenderung und Besserung ihres leidenden Zustandes herbeigeführt, und schon hielt man sie für unheilbar. Da hörte die kranke Dame einmal zufällig die Heilkraft der Wundereiche rühmen und sofort beschloß sie, auch dort ihr Heil zu versuchen. Sie ließ sich also zur Stelle fahren, stieg aus, nahm eine Leiter, erklomm dieselbe mit Aufbietung ihrer letzten, wenigen Kräfte, kroch durch die Oeffnung und war sofort geheilt. Gesund und munter kehrte sie bald darnach in die Arme ihres hocherfreuten Ehemannes zurück, dem sie denn auch erzählte, wie sehr schwer es ihr geworden die unsichere Leiter zu ersteigen, wie sie sich, als sie die Oeffnung durchkrochen, dann wieder beim Hinunterklettern geängstigt und gefürchtet habe, kurz, daß die ganze Geschichte doch eine recht unangenehme und beschwerliche sei.

Als der Herr Landdrost sich später einmal in der Nähe des regierenden Landesfürsten, des noch damaligen Herzogs Friedrich Franz, befand und gerade die Rede auf die Wunder­eiche kam, erzählte er sogleich von der fast unglaublichen Genesung seiner früher so sehr kranken Frau und sprach auch über ihre Furcht und Angst, die sie bei der unbequemen Procedur ausgestanden habe. Recht herzlich lachte der hohe Herr über das Letztere und meinte in seiner allbekannten drolligen Weise, er hätte wol zusehen mögen, wie komisch sich die gute Dame dabei angestellt habe etc. Dann aber setzte er lächelnd hinzu: »Na laß's nur gut sein, alter Freund, das soll nicht wieder passiren; künftig soll das Experiment schon besser gehen!«

Auf Allerhöchsten Befehl wurde bald darnach die bereits erwähnte Gallerie mit den beiden hinaufführenden Treppen angebracht, doch leider ging damit zugleich auch die wunderbare Heilkraft der Eiche zu Ende. Denn trotz des wiederholten Hindurchkriechens ist es nach der Zeit doch keinem Leidenden gelungen, darnach wieder wie früher gesund zu werden.

Ueber das plötzliche Verschwinden des Wunders gehen zwar verschiedene Gerüchte, alle stimmen jedoch darin überein, daß ein Handwerker schuld daran sei. Derselbe soll nämlich, als er bei dem Anbringen und Aufstellen der Treppen und des Geländers mitbeschäftigt war, einmal in seinem Uebermuthe die Eiche gröblich entweihet und geschändet haben, wornach denn sofort ihre Heilkraft für immer dahin war.

Jetzt wird der merkwürdige Baum nur noch selten, von zufällig in die Gegend Kommen­den besucht, von Kranken aber schon längst nicht mehr, und höchstens aus Spaß schlüpft jetzt nur noch mitunter ein Gesunder durch die sonst soviel durchkrochene Oeffnung. Mit dem Aufhören der Wunderkraft ist auch der frühere große Ruf der Eiche nach und nach immer mehr erloschen, so daß heutigen Tages wol nur noch den Bewohnern der dortigen Gegend der ehemals weltberühmte Baum, sowie Das, was die Sage von ihm erzählt, bekannt ist. Denn schon über 40 Jahre sind's her, als das Geländer angelegt wurde, womit ja auch zugleich die Heilkraft verschwunden sein soll.

Die Landleute sagen sogar, daß es bei der Wundereiche oft gar nicht mehr recht geheuer sei, indem schon einige den Bösen in der Oeffnung erblickt haben wollen, und deshalb meiden sie jetzt auch nach Sonnenuntergang möglichst ganz den Ort.

 

 

Hohen Luckow

 

Der Schweinehirt von Hohen Luckow 1

 

Als Hohen Luckow, zwei Meilen südwestlich von Rostock, noch ein Bauerndorf war, wütete im Lande ein lange dauernder Krieg, der auch diese Gegend nicht verschonte. Ein feindlicher Kriegshaufen zog durch das Dorf, dessen Bewohner geflüchtet waren. Nur ein Junge hütete sorglos die Schweine. Diesen griffen sich die Soldaten als Wegweiser auf und behielten ihn, da sie Gefallen an ihm fanden, bei sich.

Nach Jahren kam der ehemalige Schweinejunge als reicher Oberst wieder, kaufte dem im Kriege verarmten Edelmann Hohen Luckow ab und baute das jetzige Herrenhaus. Allein sein einziger Sohn brachte alles wieder durch und soll im Elend verkommen sein. Der Vater aber hatte im Grabe keine Ruhe, sondern soll im Rittersaale des Schlosses noch jetzt [1879] sein Unwesen treiben.

 

 

Hohen Sprenz

 

Die Klock im Klein Sprenzer See 1

 

In alter Zeit, als Wege und Straßen in der Hohen Sprenzer Gemeinde [Kr. Güstrow] im argen lagen und noch ein dichter Knick von Dorngebüsch den >>Scheiwen Barg'<< am Klein Sprenzer See bedeckte, fuhr einmal ein Bauer aus Hohen Sprenz gen Sternberg, um dort eine große Uhr [Klock] abzuholen, die im Dorfe aufgehängt werden sollte, also wahrscheinlich eine Turmuhr. Damals war der >>Sabeler Berg<<, der Klein Sprenz und Hohen Sprenz trennt, noch sehr hoch, und die von dem langen Weg ermüdeten Pferde des Bauern blieben an diesem Berg stehen und wollten den schweren Wagen nicht mehr ziehen. Kein >>hü<< und >>hott<<, kein Peitschenknallen, kein Zureden und kein Schlagen half; die Pferde standen wie aus Stein gehauen.

Da tat der Bauer, der, so nah am Ziel, doch keine Möglichkeit sah, das heimatliche Dorf zu erreichen, einen gar greulichen Fluch: >>Ick wull, de ganze Düüwelsdreck leg' in den' Lütten Sprenzer See!<< - Kaum hatte er das Wort gesprochen, da packte ihn eine gewaltige Faust und schleuderte ihn, seine Pferde, seinen Wagen und die schwere Uhr in den See.

Viele, viele Jahre sind seitdem vergangen, aber die Uhr im Klein Sprenzer See liegt noch an derselben Stelle, und jedes Jahr in der Neujahrsnacht schlägt sie mit hellem Klang zwölf laute Schläge zur mitternächtigen Stunde.

 

 

Lichtenhagen

 

Was sich die Leute von einer Glocke zu Lichtenhagen bei Rostock erzählen 3

 

An einem warmen Sommertage hütete einst ein kleines Mädchen die Gänse in der Nähe eines Wassers, aus welchem sich zwei Glocken erhoben, an's Ufer kamen und sich hier sonnten. Das Mädchen ging neugierig hinan und besah sich dieselben; zufällig legte sie auf eine derselben ihren »Fleeschlappen«, das Tuch, worin sie das ihr mitgegebene Essen gehabt hatte.

Nach einigen Stunden setzte sich die eine Glocke in Bewegung, kehrte in's Wasser zurück und verschwand. Die andere, mit dem Tuche belegte Glocke dagegen blieb ruhig am Ufer stehen; der vor Zeiten auf sie gelegte Zauber war hierdurch gelöset worden.

Als das Mädchen zu Hause angekommen war, erzählte sie das Vorgefallene, und man eilte dahin, um sich von der Wahrheit zu überzeugen.

Es wurde beschlossen, die Glocke nach Warnemünde zu schaffen und der dortigen Kirche zu schenken. Sie wurde auf einen Wagen gebracht; aber so viele Pferde man auch anspannte, es war nicht möglich, sie von der Stelle zu bewegen.

Nach vielen vergeblichen Versuchen erbot sich ein Bauer, die Glocke mit seinen zwei Ochsen fortzuschaffen, wenn er sie in entgegengesetzter Richtung nach Lichtenhagen und nach der dortigen Kirche bringen sollte.

Man willigte ein, und siehe, die Glocke wurde leicht von diesen Ochsen gezogen und hängt noch in dem Glockenstuhl der Kirche zu Lichtenhagen.

Die andere Glocke ist freilich noch hin und wieder gesehen, wenn sie aus dem Wasser emportauchte, aber es ist bisher nicht gelungen, sich ihrer zu bemächtigen.

 

 

Malchow

 

Die Unterirdischen oder Mönken im Weiberberge bei Malchow 3

 

Die Unterirdischen oder Mönken haben besondere Lieblingsörter, wo sie gerne backen und brauen. So war es auch bei denen, die im Weiberberge an der Klosterseite zu Malchow wohnten. Ich sage wohnten, denn längst sind sie fortgezogen nach einem ändern Lande, wo sie ungestört ihr Wesen treiben können, ganz nach ihrem Willen. Dies Land soll Scandinavien sein, wie wir ja bereits schon gehört haben.

In Malchow war es nun zu damaliger Zeit das Haus des A... in der Güstrowerstraße, wo die Mönken besonders gern sich aufhielten und verkehrten; und wollten sie backen oder brauen, so ging's nicht anders, als in dem genannten Hause.

Jung und Alt dieser Kleinen versammelten sich dann hier zur Nachtzeit, holten den großen Kessel vom Bort, als ob er ihr Eigenthum wäre, und es wurde gebraut, daß es Art hatte. Welche von ihnen standen auf dem Rande des Kessels und rührten mit großen Stäben die Flüssigkeit in demselben um; andere holten Wasser und Holz heran nach Möglichkeit und u.s.w,; kurz und gut, es war eine Rührigkeit unter ihnen, wie man sie heutzutage wol nur noch bei der Vorbereitung einer großen Bauernhochzeit antrifft.

Eben so rührig ging's beim Backen her. Da schleppten welche kleine Säckchen mit Mehl auf dem Rücken herbei, andere standen im Backtroge, um den Teig zu kneten, etliche heizten den Ofen, und vier bis fünf Mann waren beim Spalten des Holzes beschäftigt.

Es mußte den Mönken aber eine solche Brau- und Backnacht ein absonderliches Fest sein, denn die Müßigen tanzten Ringelreigen. So oft sie aber in dem a...'schen Hause sich versammelten, jedesmal ließen sie etwas von dem Bier und Brod zurück, um sich dankbar zu beweisen.

Einst waren sie hier wieder zu diesem Zwecke versammelt gewesen und fast graute der Morgen im Osten, als sie fertig wurden. Um nun aber schnell nach ihrer unterirdischen Behausung zu kommen, mußten sie sich über den See setzen lassen. Einige von ihnen weckten deshalb den Fährmann und baten ihn, er möge sie für eine gute Belohnung über­setzen.

Dieser willigte gerne darein, denn ihm war zur Genüge bekannt, daß die Mönken im Geben nicht kärglich waren.

Schnell und ohne Unfall kamen die Kleinen am ändern Ufer an. Der letzte von ihnen, der an's Land ging, schüttete seinen vollen Sack aus in die Fähre hinein und sprach: »Hia is Dien Bethalung!«

Als der Fährmann es nun besah, waren es lauter Roßäpfel. Unwillig und laut schimpfend auf das kleine Gesindel, stieß er ihre Gabe mit den Füßen in's Wasser. Zurückgekehrt, band er die Fähre wieder an und suchte noch auf ein Stündchen den Schlaf.

Wie erstaunte er aber, als er am Tage auf der Fähre hie und da pure Goldblättchen fand, und wie sehr bedauerte er jetzt, das Geschenk der Unterirdischen nicht besser gewürdigt zu haben.

Wenn der Fährmann aber später die Geschichte seinen Bekannten zum Besten gab, was oft geschah, pflegte er jedesmal dieselbe mit den Worten zu schließen: »Ick har riek sinn künnt, äwa ick hef’t mit dei Fäut von mie stött!«

 

 

Marxhagen

 

Der Hexenbaum von Ulrichshusen 1

 

Wie von allen alten Ritterburgen die Sage gar viel und mancherlei Schauriges und Schauerliches zu erzählen weiß, so ist dies auch bei Ulrichshusen [Kr. Waren] der Fall:

Zu jener traurig-trüben Zeit der Hexenverfolgungen und Hexenverbrennungen war auch ein Untergebener des Ulrichshusener Burgherrn, ein alter Arbeitsmann mit blöden Augen und grauem Haar, böswilligerweise von einem ihm feindlich gesinnten, gottlosen Schäfer der Hexerei angeklagt worden. Sogleich wurde dem Alten der Prozeß gemacht und er, trotz seines Flehens und heiligsten Betreuerns, daß er unschuldig und nur verleumdet worden, zum schrecklichen Feuertode verurteilt.

Am nächsten Tage schon führte man den Unglücklichen auf einen nach Marxhagen hin liegenden Hügel, band ihm erbarmungslos an den Pfahl und türmte ein hohes Feuer um ihn auf. Ehe jedoch der alte Mann unter den gräßlichsten Martern seinen Geist aushauchte, flehte er laut zu Gott: Er möge, zum Zeichen seiner Unschuld, ein Wunder geschehen lassen. Und der Allmächtige erhörte sein Flehen. Als der Scheiterhaufen heruntergebrannt und des Gerichteten Leib in Asche verwandelt war, da schoß plötzlich auf der Brandstätte, aus dem noch heißen Erdboden, ein gar wunderbarer, hoher Baum hervor, wie ihn noch nie zuvor ein Menschenauge gesehen. Der Baum hatte weder Blätter noch trug er Früchte. Seine dürren Äste aber streckten sich mahnend zum blauen Himmel empor, als forderten sie Sühne von oben herab für das schuldlose Opfer. Und alles Volk, das da herbeigeströmt war, das schreckliche Schauspiel mit anzusehen, entsetzte sich ob dieses Gotteswunders und erkannte jetzt mit Schrecken die Unschuld des alten Arbeitsmannes.

Den gottlosen Schäfer, seinen böswilligen Verleumder und Mörder, aber fand man am nächsten Morgen mit gräßlich verzerrten Zügen und mit ausgerissener Zunge tot auf dem Acker liegen. Der Teufel hatte ihn in der Nacht zu Tode gehetzt und ihn also, wie er's verdiente, gerichtet.

Lange, lange Jahre hiernach, bis in die neueste Zeit, stand noch der wunderbare Baum mit seinen kahlen, geisterhaft in die Höhe gerichteten Ästen und Zweigen, dessen Zweigen, dessen Holz anfänglich so hart gewesen sein soll, daß auch die schärfste Axt nicht einzudringen vermochte, und das Volk nannte ihn allgemein nur den >>Hexenbaum<<.

 

 

 

 

Dorf Mecklenburg

 

Alt-Mecklenburg 1

 

Unweit von Wismar liegt ein Kirchflecken am Schiffgraben, der aus dem Schweriner See in die Ostsee führt, der heißt Mecklenburg. Dort ist noch ein alter Wall zu sehen, und das ist die Stätte, die dem ganzen großen Lande Mecklenburg den Namen verliehen hat. Im Innern dieses Walles ruhet noch, wie die Sage geht, eine goldene Wiege und im Grunde der wasserreichen Wiese eine vor Zeiten versunkene kupferne Brücke. Viel altes Scherbengerät hat sich dort gefunden, auch nennt und zeigt man noch die Stelle, wo der Brunnen dieser alten Wendenburg soll gestanden haben, die eine große Stadt geschirmt, von welcher nichts mehr übrig als der heutige offne Flecken, der allein den alten Namen gerettet. Der Name soll von Mäkeln (Handeln) herrühren, und das alte Mecklenburg soll vor Zeiten eine hochberühmte Handelsstadt gewesen sein und fünf Meilen im Umfang gehabt haben.

Einst führte Herzog Albrecht von Mecklenburg Krieg mit der Königin von Dänemark, der schwarzen Gret, und wurde ihr Gefangener. Da haben die Frauen des Herzogtums zusammengeschossen Gold und Geschmeide, um ihren Herrn aus der Gefangenschaft zu lösen, und haben ihn erlöst, und da hat er ihnen das Recht verliehen, Lehengüter besitzen zu dürfen gleich den Männern, und es soll dort die ausschließlichen Mannlehen nicht geben.

 

 

Rethwisch

 

Der Schatz in den Wäustenhoeben 1

 

Beim Dorfe Rethwisch in der Nähe von Doberan ist ein Stück Land, >>Wäustenhoeben<< [Wüstenhöfen] genannt. Alte Leute erzählen darüber folgendes:

In uralter Zeit lagen auf den Wäustenhoeben drei schöne Bauerngehöfte, deren Besitzer wohlhabende und reiche Leute waren. Diese drei Gehöfte wurden vor vielen, vielen Jahren gänzlich verwüstet und verblieben eine ganz geraume Zeit in diesem wüsten Zustande (daher der Name). In dieser Zeit sah man an gewissen Tagen in den Abendstunden auf den Wäustenhoeben Feuer brennen, und zwar immer an einer bestimmten Stelle. Ganz allgemein glaubte man im Dorfe, daß auf den Wäustenhoeben Geld verborgen sein müsse. Aber doch getraute sich keiner aus der Dorfschaft, den Schatz auszugraben.

Da wurde einmal ein Börgerender Kossat, Hameister mit Namen, lüstern nach dem Schatze und wollte ihn heben. Er wagte es jedoch nicht allein. Darum ging er zu seinem Schwager Plat in Warnemünde und suchte den zu bereden, mit ihm zu kommen. Plat fand sich dazu bereit. Da es heimlich geschehen sollte, durften sie nicht wagen, des Abends ihr Vorhaben auszuführen, das sie ohne Licht nichts machen konnten und die übrigen Dorfleute sie sogleich bemerkt hätten, wenn sie mit einer Leuchte nach den Wäustenhoeben gegangen wären.

Hameister und Plat warteten deshalb einen Sonntag ab; und als alle Leute in der Kirche waren, gingen beide schnell mit Spaten nach den Wäustenhoeben, gruben ein großes Loch in die Erde und fanden sehr viel Geld. Es waren aber alles ganz unbekannte Münzen, die sie so nicht gebrauchen konnten. Da aber jetzt der Gottesdienst jeden Augenblick beendet sein mußte, so verließen sie eiligst die Wäustenhoeben, ohne das gegrabene Loch wieder zugeworfen zu haben. Mit dem gefundenen Schatze begaben sie sich nach Doberan zu einem Juden, der ihnen so viel Silbergeld dafür bezahlte, wie die Münzen nach seiner Meinung wert sein mochten.

Seit der Zeit hat keiner der Dorfleute wieder Feuer auf den Wäustenhoeben gesehen. Hameister und Plat machten darauf das Loch heimlich wieder zu. Sie wurden aber bald danach krank, ebenso der Jude, und starben alle drei noch im selben Jahre.

 

 

Retschow

 

Der Schwarze Hahn 2

 

Anno 1729 war in Neubukow mitten in der Nacht ein Großfeuer. Als der schwarze Hahn des Retschower Pastors den roten Himmel sah, krähte er laut und alamierte so die Retschower, die dann als erste Auswärtige halfen, das Feuer zu löschen.

Diesen „Wunderhahn“ wollten die Neubokower gerne selbst besitzen. Sie waren bereit, 4 Taler für ihn zu bezahlen. Der schwarze Hahn wurde lebend nach Neubukow gebracht und im Rathaus abgegeben. Die Neubukower Stadtväter kauften nun - fast 200 Jahre lang - von den Retschower Pastoren jährlich zur Fastnacht für gutes Geld einen schwarzen „Feuermeldehahn“.

 

 

 

 

Rostock

 

Das Wahrzeichen am Steinthore zu Rostock 3

 

Unsere Vorfahren hatten die löbliche Gewohnheit, irgend einen schönen sinnreichen Spruch, etwa einen Bibel- oder Liedervers, den sie sich zum Wahlspruche genommen, über die Pforte ihres Hauses zu schreiben. Hier, wo man täglich ein und aus geht, stand er mit großer, deutlicher Schrift, zum fortwährenden Gedächtniß und zu fruchtbringender Beher­zigung. So versah man auch häufig öffentliche Gebäude, Kirchen, Schulen, Rathhäuser, Thore und dergleichen, bei denen viel Verkehr stattfand, mit passenden Sinnsprüchen und fügte nicht selten ein bedeutsames Sinnbild hinzu, um die Wahrheit des verzeichneten Spruches noch mehr zu veranschaulichen und zu verdeutlichen.

Daß man auch zu Rostock diese Gewohnheit hatte, bezeugt unter Andern das Steinthor daselbst. Dasselbe enthält an der Innern und äußern Seite die Wappenschilder Rostock's und Mecklenburg's und trägt außerdem noch nach Innen die Inschrift: Sit intra te concordia et publica felicitas (In Deinen Mauern wohne Eintracht und staatliches - öffentliches - Wohlsein). Ueber der Inschrift befindet sich dann noch das Brustbild eines Mannes, der gleich als zum Schutze mit der Linken einen runden Schild vor sich hält. Zu seinen Seiten steht endlich getheilt die Jahreszahl 1314.

Da das Steinthor erst im Jahre 1575 gebauet sein soll, so hat die vorhin erwähnte Jahres­zahl hiermit gewiß nichts zu thun, vielmehr scheint sie sich nebst den übrigen Darstellun­gen auf die Beendigung des rungeschen Aufstandes, die Aussöhnung der Stadt mit Herzog Heinrich dem Löwen von Mecklenburg und die Wiederherstellung der alten Ordnung zu beziehen. Durch den Verrath des königlich dänischen Statthalters zu Rostock, Hermann von Glöden oder Klödt, gelang es nämlich dem Herzoge die Stadt im Januar 1314 beim Steinthore zu überrumpeln und so die vorhin erwähnten Resultate zu erzielen.

Die Sage erzählt über den Ursprung des obgedachten Brustbildes Folgendes:

Gegen das Jahr 1314 hatte Rostock, wie damals häufig, Krieg. Die Feinde hatten die Stadt schon lange und vergeblich belagert. Sie konnten sie nicht überwältigen, und auch das Aushungern wollte nicht recht gehen. Da nahm man zum Verrathe seine Zuflucht, und zwar war es einer der Bürgermeister, der sich durch das Gold der Fremden blenden ließ. Er beging das Bubenstück und überlieferte die Stadt, indem er ihre Blöße verrieth, den Feinden.

Die Sache war fein genug angelegt, kam aber doch an das Tageslicht. Und als nun die Rostocker nach außen hin Frieden hatten, ergriffen sie den Verräther und sperrten ihn ein.

Damals bestrafte man oft geringe Vergehen sehr hart; und so ist es leicht erklärlich, daß man hier nicht bloß hart, sondern sogar grausam verführ. Man schleppte den Unglückli­chen nach dem Mauerthurme unweit des Steinthores - hinter den Häusern an der neuen Wallstraße - und schloß ihn hier in schwebender Stellung vermittelst Hals-, Arm-, Brust-und Fußeisen also an, daß er nur die Hände zum Munde bewegen konnte. So quälte man ihn jämmerlich und langsam zu Tode; denn zur täglichen Nahrung ward ihm nur ein Schillingsbrod - Rundbrod - und ein wenig Wasser gereicht.

Das Bild soll hier dann späterhin zur Warnung für Jedermann angebracht sein, und will man an demselben auch die Hals- und Armeisen erkennen. Den Schild aber hält man für ein Abbild des Rundbrodes.

 

 

Satow bei Doberan

 

Der Gang ins Totenreich 1

 

In Satow [Kr. Bad Doberan] wollte ein junger Mann Hochzeit halten. Am Vorabend ging er zum Krug, um Getränk zu holen, und mußte dazu über den Kirchhof. Auf dem Rückweg stieß er an einen Totenkopf. Im Scherz lud er den Toten zur Hochzeit ein.

Am Hochzeitstag erschien ein Unbekannter im Hochzeitshaus und wurde zum Fest eingeladen. Aber auf seinem Teller häufte sich immer mehr; so ging es auch beim Kaffee und Abendbrot. Dann sprach er zu dem jungen Ehemann: >>Nun will ich dir ein Gegengeschenk machen. Nimm einen Spaten, komm mit auf den Kirchhof und grabe!<<

Sie kommen an das Grab, wo tags zuvor der Totenschädel lag. Nach zwei Fuß tiefem Graben öffnet sich eine eiserne Tür. Beide gehen hinein. Drinnen hören sie die Vögel singen und andere Zeichen des Frühlings. Eine halbe Stunde weilen sie dort, dann gehen sie wieder hinaus. Doch draußen ist es heller Tag, das Dorf hat sich völlig verändert: Die Kirche ist da, das Grab nicht mehr vorhanden, auch das Hochzeitshaus ist verschwunden.

Entsetzt geht der junge Mann zum Pastor. Dieser ist ihm ganz unbekannt. Er läßt sich die Sache vortragen, geht dann ans Kirchenbuch und berichtet: >>Heute vor dreihundert Jahren ist ein junger Mann gleich nach der Hochzeit verschwunden.<< - Da macht der Küster auf ein helles Feuer auf dem Kirchhof aufmerksam. - >>Das ist meine Frau!<< sagt der Unglückliche und verschwindet.

 

 

Schwaan

 

Die Glocke in Schwaan 1

 

Zur Zeit der französischen Kriege lag ein französischer Offizier bei einer Witwe in Schwaan im Quartier. Als er zur Schlacht ausziehen mußte, übergab er ihr eine Summe Geldes mit der Weisung, es ihm aufzuheben. Ein Jahr lang solle sie warten; sei er dann nicht zurückgekehrt, so solle das Geld ihr gehören.

Das Jahr verging, und er kam nicht. Da schenkte sie von dem Gelde der Kirche eine Glocke und behielt das übrige als Notpfennig für sich. Nach längerer Zeit kam unerwartet der Offizier zurück. Wie er aber seinen Fuß über die Feldmark der Stadt setzte, tönte die Glocke von selbst, bis er im Hause der Witwe war. - Diese gestand erschreckt, was sie getan, und händigte ihm das übrige Geld aus. - Der Offizier erklärte, daß er ganz damit einverstanden sei. Als er sie verließ, läutete die Glocke aufs neue und so lange, bis er die Grenze des Stadtgebietes erreicht hatte.

 

 

 

 

Selow

 

Der Gedenkstein in Selow bei Bützow 3

 

Die Landstraße von Bützow nach Doberan führt durch das Bauerdorf Selow, das eine Meile von ersterer Stadt entfernt ist. Das Dorf hat eine sehr reizende Lage, und die fruchtbaren Aecker, die nach Südwest hin von dem Höhenzuge, der von der Hohen-Burg her nach Norden geht, eingerahmt sind, erinnern an die Landschaften gebirgiger Gegenden.

Diese Felder waren zur Zeit der ersten Anfänge des Christenthums in Mecklenburg das Besitzthum zweier weithin gebietender Ritter; auf den selower Höhen erhoben sich die Burgzinnen des einen, und in dem eine halbe Meile davon entfernten Pfarrdorfe Neu­kirchen hielt der andere sein Hoflager.

Beide Herren hatten für sich und ihre Hörigen zu gemeinsamem gottesdienstlichen Ge­brauche eine Kapelle, die in Selow lag. Im Verlauf der Zeit erwies sich der Raum derselben jedoch zu klein, und man sah die Nothwendigkeit ein, zum Baue eines neuen Gotteshauses zu schreiten. Aber der Ort, wo dieses sollte erbauet werden, wurde Veranlassung und Gegen­stand zu ernster, blutiger Fehde. Jeder der Ritter nahm für sich das Recht in Anspruch, auf seinem Gebiete die Kirche erbauen zu lassen; Jeder sah's als eine Sache der Ehre an, und der Sieg, den der Eine oder der Andere davontrug, mußte als ein sprechendes Zeugniß seines Uebergewichtes erscheinen. Dazu kam auch die religiöse Begeisterung, die in dem Kirchen­bau eine That des Glaubens erkannte und diesen darin zu bethätigen strebte. Es waren die mannigfachsten Versuche zur Einigung gemacht worden, und da keiner zu einem gedeihli­chen Ende geführt hatte und Jeder der Streitenden auf seiner Forderung mit noch größerem Eifer beharrte, so war man des Entschlusses geworden, dem Schwerte die Entscheidung anheim zu geben und einen Zweikampf auf Leben und Tod zu kämpfen. Beide kamen dahin überein, an einem bestimmten Tage sich kampfbereit auf dem Kirchhofe vor der Thüre der selower Kapelle einzufinden, dann um die Kapelle herumzureiten und an der Stelle, wo sie einander begegnen würden, zu streiten, bis einer der Kämpfer todt auf dem Platze liege; der Sieger solle alsdann in dem unbestrittenen Rechte sein, die Kirche auf seinem Gebiete zu erbauen, und sollten auch die Erben des Erschlagenen gehalten sein, alle erforderlichen Dienste und Hülfen zu leisten. Dieser Kampf ward als ein Gottesurtheil angesehen, dem sich Beide getrost unterwerfen wollten.

Der Morgen war angebrochen in all seinem Frieden. Die Strahlen der Frühsonne spiegel­ten sich ab in den Thautropfen, die an den Grashalmen auf den Gräbern hingen. Feld und Wald und Garten feierten eine jener Stunden fröhlichen Auferstehens, wo neues Leben auch über die kleinsten Gebilde in dem Vaterhause unseres Gottes ausgegossen ist, wo Alles Seine Gnade verkündigt und es stille wird auch in der sonst so bewegten Menschenbrust.

Aber auf dem selower Kirchhofe sollte der Frieden und die Stille dieses Morgens bald aufhören; über den Gräbern wollten zwei Männer in wildem Grimme mit einander ringen und Dem in Seine Rechte greifen, der Leben und Tod in Seinen Händen trägt.

Der Kirchhof füllt sich mit Reisigen; jeder der Ritter erscheint in einem zahlreichen Gefolge. Vor der Thüre der Kapelle halten die Kämpfenden auf schnaubenden Rossen, die mit ihren Hufen die Erde stampfen. Dann wird noch einmal das wiederholt, worüber man eins geworden. Mit herabgelassenem Visir und weit ausgelegter Lanze reiten die beiden Ritter nach entgegengesetzten Seiten in gemessenem Schritt um die Kapelle. Jetzt treffen sie aufeinander. Ein furchtbarer Kampf beginnt. Jeder kämpft für sein Recht, für die Kirche des Herrn, für sein Leben; es wird eine That des Glaubens gekämpft. Mit fürchtbarem Gedröh­ne treffen die schweren Lanzen auf die schuppichten Panzer, daß sie zersplittert den Händen der Kämpfer entfallen. Es wird zum Schwerte gegriffen. Mit wuchtigen Schlägen dringen die Gegner auf einander ein. Die Entscheidung will noch immer nicht nahen. Da durchhaut der Ritter von Neuenkirchen dem Gegner das Visir unter dem Auge; das Eisen dringt in das Haupt, und entseelt stürzt er vom Rosse. Seine Mannen, die dem Kampfe zugeschauet, tragen ihn auf die Burg, und nach wenig Tagen wird sein Grab an der Stelle gegraben, wo er den Tod gefunden.

Der Sieger erbauet nun in Neuenkirchen ein großes Gotteshaus, und der Gottesdienst wird von Selow dorthin verlegt. Die Kapelle zerfiel im Verlaufe der Zeit.

Doch kurz nach der Bestattung des gefallenen Ritters ereignete sich etwas, das Alle in das höchste Erstaunen setzte. Eines Morgens nämlich stand auf dem Grabhügel ein großer behauener Stein aufgerichtet, von dem Niemand zu sagen wußte, woher er gekommen sei. Diesen Gedenkstein kannst Du, Wanderer, noch schauen, wenn Du durch Selow den Weg nach Kleinen-Belitz gehst. Dort steht er zur linken Seite einige Schritte von der Straße und weiset Dich in seiner alten, ehrwürdigen Gestalt auf längst entflohene Zeiten hin. Du wirst ihn mit jener Achtung anschauen, die Dir immer solche Monumente der Vorzeit, über deren Haupte Jahrhunderte mit ihren Stürmen und ihrem Sonnenschein dahingegangen sind, einflößen.

Der Stein ist grobkörniger, quarzhaltiger Granit; er hat eine Höhe von 8 und eine Breite von 2 Fuß und mißt in der Dicke 6 Zoll. Der Kopf ist fast kreisförmig und hat zu beiden Seiten ohrförmige Ansätze. Die Hauptseite des Steins ist nach Norden gerichtet. In der Rundung des Kopfes ist Christus am Kreuze erhaben ausgehauen. Auf der nördlichen Seite kniet in der Mitte eine männliche Figur, ohne Waffen und Schmuck, die ihre Hände betend zum Crucifix emporhebt. Am Rande über der betenden Figur ist ein geschlungenes Band mit gothischen Schriftzügen, die wol schwer zu entziffern sein werden. Die südliche Seite des Steines trägt dieselbe Darstellung, jedoch ohne Umschrift.

Woher der Stein gekommen, davon hat Niemand Kunde gehabt. Er stand eines Morgens auf dem Grabe aufgerichtet, mit seinem Fuße tief in die Erde hineinfassend. So umhüllete ihn ein geheimnißvolles Dunkel, und er wurde nicht allein den Bewohnern Selow's, sondern auch den benachbarten Dörfern ein Gegenstand frommer Scheu. Keiner wagte, ihn mit der Hand zu berühren oder wol gar zu beschädigen. Und als im Verlaufe der Jahre die Kapelle niedergerissen ward, die Grabhügel einfielen und der Gottesacker sich in ein Fruchtfeld umwandelte, da wich dennoch jene stille Scheu nicht; man ließ ihn unangetastet, und der Pflug durfte ihm mit seinem Eisen nicht nahen.

So hatte der Stein schon viele Jahre gestanden in immer gleicher Wirkung, und die Zeit hatte in ihn ihre Schrift gegraben. Da bemerkte man einst, daß in der Morgenstunde und später auch zu anderen Stunden des Tages auf einem der ohrförmigen Ausschnitte des Kopfes eine schwarze Krähe saß, die unheimlich und tückisch die Vorübergehenden ansah. Bald war Allen dieser unheilkündende Vogel bekannt; man hielt ihn für den verkörperten Teufel, der sie zu böser That reizen und verlocken wolle. Wer vorüberging, bekreuzte sich an Stirn und Brust, betete ein Vaterunser und flehete, nicht den Versuchungen des Widersa­chers zu erliegen.

So hatte der schwarze Gast wol schon oft auf dem Denkstein gesessen, ohne daß Jemand ihn zu verscheuchen gewagt hatte. Da pflügt einst ein Knecht das Ackerstück um, auf dem der Stein steht. Wieder sitzt die Krähe an derselben Stelle und sieht tückisch den Knecht an. Dieser sucht sie zu verscheuchen, und da das nicht gelingen will, ergreift er einen Stein und wirft ihn nach der Krähe. Sie fliegt mit wiedrigem Gekrächze davon und ist seit jener Zeit nicht mehr gesehen worden. Der Stein hat aber den ohrförmigen Ausschnitt des Kopfes getroffen, der herunterfällt. Der Knecht siecht dahin mit den Tagen des Monats, und als diese zu Ende sind, stirbt er. - Das abgeworfene Ohr wird auch jetzt noch in einer daneben stehenden Scheure aufbewahrt. -

Jahrhunderte sind über den Gedenkstein dahin gegangen und haben ihre Schrift ihm eingedrückt. Das Geschlecht, das Zeuge jenes Kampfes war, ist längst von der Erde ver­schwunden. Die stillen Grabhügel des Kirchhofes sind nicht mehr zu finden und über ihnen wogen herrliche duftige Saaten. Die Begebenheit selbst lebt aber fort und fort in der Erinnerung der Menschen, und die Ehrfurcht vor dem Gedenksteine hat sich fortgepflanzt auf das lebende Geschlecht.

Der Herr Archivrath Dr. Lisch hat den Versuch gemacht die Inschrift des Gedenksteines zu entziffern, was ihm vollständig gelungen sein soll; er hat das Resultat seiner Untersu­chung in den Jahrbüchern für mecklenburgische Geschichte und Alterthumskunde mitgetheilt. Nach ihm steht auf dem Rande der Hauptseite:

Anno domini 1399 in die beati Viti obiit Hermanus Lameshovet (Im Jahre des Herrn 1399 am Vitustage - 15.Juni - starb Herman Lameshovet).

Ueber der Figur im geschlungenem Bande steht:

Miserere mei, Domine! (Herr, erbarme Dich mein!)

Auf der Rückseite ist in dem Bande dieselbe Inschrift.

 

 

Sülze

 

Der Schlangenkönig und der Junge 1

 

Mitten im Walde, nicht weit von der Stadt Sülze entfernt, liegt ein kleines Wirtshaus, >>Mückenkrug<< genannt. Vor vielen Jahren, so erzählt man, hat sich hier vielfach eine große Schlange, mit einer goldenen Krone auf dem Kopfe, gezeigt. Feiner als alles andere irdische Gold ist dieses Gold gewesen und hat einen ganz eigentümlichen Glanz verbreitet. Von den Leuten wurde das Tier, ob dieser seiner Krone, der >>Schlangenkönig<< genannt.

Der damalige Besitzer des Mückenkruges hatte einen kleinen Sohn, und dieser hielt innige Freundschaft mit der Schlange. Er aß, trank und spielte mit ihr; kurzum, die Schlange war sehr viel bei ihm und tat dem Buben nie ein Leid.

Späterhin, als aus dem Knaben ein großer erwachsener Bursche geworden war, erschlug er den Schlangenkönig (weshalb, darüber schweigt die Sage) und schenkte die Krone seinen Eltern, die sie verkauften und reiche Leute dadurch wurden.

 

 

Waren

Der gottlose Fischer von Waren 3

 

In Waren lebte einst ein Fischer, ein recht schlechter, gottvergessener Kerl. Aus Habsucht hatte er sich eine bucklige, schwächliche Person zum Weibe genommen, weil sie ein hüb­sches Vermögen besaß. Gerne wäre er sie nun gleich wieder los gewesen, um sich ungehin­dert ihres Geldes erfreuen zu können, das sie ihm schon vor der Hochzeit hatte verschrei­ben lassen müssen; deshalb behandelte er das unglückliche Geschöpf auch fürchterlich schlecht und stieß und prügelte sie alle Tage, hoffend, der Tod werde ihn so desto früher von ihr befreien. Dabei sang sein Lästermund fast fortwährend, wo er ging und stand:

»Ein Kreuz, ein Leid, ein bucklig Weib

Hat mir der Herr gegeben.

Nimm's Kreuz von mir, nimm's Weib zu Dir,

Dann kann ich ruhig leben.«

Als er eines Tages auf die Müritz hinaus zum Fischen fuhr, dort bei Sturm und hohem Wellenschlag wiederum sein Lieblingslied anstimmte und dabei weidlich auf Gott schimpf­te, daß Er seinen Wunsch noch immer nicht erfüllen wolle, da ereilte den Spötter und Frevler endlich des Höchsten strafender Arm. Ein Wirbelwind erhob sich, warf den Kahn um und stürzte den Fischer tief hinab in die brausenden Fluthen, wo er sein schmähliches Ende fand.

Nicht also der Fischer sollte sich seines Weibes Tod, sondern umgekehrt, diese sollte sich des seinen freuen; denn sie lebte noch lange Jahre hiernach in Ruhe und Frieden, dessen sie sich an der Seite ihres rohen, gottlosen Gatten nie zu erfreuen gehabt hatte.

 

 

Warnemünde

 

siehe Rethwisch

 

 

Wattmannshagen

 

Die Alte mit der eisernen Elle 1

 

In Wattmannshagen bei Güstrow war mal eine Frau, die trug immer eine eiserne Elle, und wenn ihre Leute ihr etwas nicht recht machten, schlug sie sie damit. Als sie an einem Sonntag morgens in die Kirche gehen wollte und ihr Dienstmädchen ihr Zeug nicht gleich zur Hand hatte, ließ sie sie an den Ofen binden und denselben heizen, so daß sie zuletzt verbrennen mußte. Die Alte aber nahm noch ihre eiserne Elle und schlug die Tote damit.

Ihre drei Söhne waren auch ganz gottlose Schlingel: Sie schnitten allen Pferden die Schwänze ab und sagten, der Kutscher hätte es getan. Da schlug die Alte ihn mit ihrer eisernen Elle, daß das Blut nur so floß. Da steckte ihr der Kutscher den ganzen Hof an, und dann ging er hin und ertränkte sich.

Der Fischer fischte ihn aus dem See heraus, und die Alte wollte ihn auf dem Galgenberge begraben lassen. Aber der Schinder, der ihn hinführen sollte, konnte nicht am Kirchhof vorbei. Da ließ sie vier, zuletzt acht Pferde vorspannen, und da ging's so eben, und er wurde unterm Galgen begraben. Da nahm seine Schwester einen trockenen Haselbusch und steckte ihn auf das Grab und sagte, wenn der Stock grünen würde, dann wäre ihr Bruder unschuldig. Und der dürre Stock ward zuletzt ein großer grüner Busch.

Die Alte treibt, nachdem sie gestorben, nachts von zwölf bis ein Uhr Kühe aus dem kahlen Bruch, die sie mit der eisernen Elle schlägt. Einst haben zwei Hofgänger eine goldene Uhr im kahlen Bruch hängen sehen. Wie sie ihre Hand danach ausstreckten, haben sie zwei furchtbare Maulschellen bekommen, und eine Frau mit eiserner Elle hat sie unter grinsendem Lachen anfassen wollen. Da haben sie aber ein Vaterunser gebetet, und da ist sie verschwunden.

 

 

Wittenbeck

 

Der Schatz des Geistes 1

 

In Wittenbeck [Kr. Bad Doberan] ist eine Bockwindmühle gewesen, dort sind nie Gesellen geblieben. Darin hat es so gespukt. Da kommt auch einmal wieder ein Geselle. - Sie wollen ihn gar nicht annehmen. - Ja, er wolle wohl damit fertig werden.

Schlag zwölf nachts fängt das Toben auf der Mühle wieder an. Er hält aus und geht am nächsten Morgen zum Pfarrer. Der rät ihm, er soll sagen: >>Alle guten Geister loben Gott den Herrn!<< Wenn es sage: >>Ick un du<<, dann solle er ruhig mitgehen. Wenn der Geist etwas anderes sage, solle er ganz still liegenbleiben im Bett.

Er nimmt sich eine Flasche voll Branntwein, damit er auch sprechen kann, und geht wieder liegen. Schlag zwölf geht es wieder los. Er ruft: >>Alle guten Geister loben Gott den Herrn!<< - >>Ick un du<<, sagt es. Da zieht er sich notdürftig seine Sachen an und geht mit.

Nahe bei der Mühle ist ein kleiner Berg, dort bleibt der Geist stehen; bald darauf ist er verschwunden. Er [der Geselle] merkt sich die Stelle genau. Am nächsten Morgen gräbt er nach, da findet er einen Topf mit zweihundert Talern. Da hat es auf der Mühle nicht wieder gespukt.

Da ist [einmal] ein Geselle gewesen, der hat keine Verwandten gehabt, der hat das Geld vergraben. Er hat es denen vermachen wollen, die auf der Mühle arbeiten.

 

 

Ziesendorf

 

Schatzgraben in Ziesendorf 1

 

Vor vielen Jahren  lebte auf dem Gute Ziesendorf bei Rostock ein Gutsbesitzer namens Helms. Dieser hört einmal von einem Schatze, der in dem bei seinem Gute gelegenen Holze in der Erde vergraben liege. Zugleich wird ihm die Kunde von einem klugen Manne in Bützow, der die Kunst verstehe, Schätze zu heben. Helms sendet zu ihm. Der Schatzgräber erklärt sich bereit, wenn ihm die Hälfte zufalle.

Sie gehen an das Werk, und der Schatz kommt zum Vorschein. Auf den Rat des Mannes kehren sie bis auf weiteres nach Hause zurück. Hier öffnen sie die Fenster der Wohnstube, stecken sich ein Pfeifchen an, vertreiben sich die Zeit durch lebhafte Unterhaltung und warten der Dinge, die da kommen sollen. Es währt nicht lange, da spazieren die Geldrollen durch die offenen Fenster herein. Da bietet Helms dem Schatzgräber nur einen Teil der versprochenen Hälfte. Der Schatzgräber geht zürnend und drohend fort, das Geld werde ihm zum Unheil gereichen. Und siehe! Die Geldrollen verwandeln sich in Sand; dem Gutsbesitzer werden seine Nägel an Händen und Füßen schwarz, und bald darauf stirbt er. Aber auch im Grabe hat er noch keine Ruhe, sondern verursacht in der Kapelle, in der er beigesetzt wurde, gräßlichen Lärm und Rumor. Mehrere wollen ihn noch in den verschiedensten Gestalten gesehen haben.

 

 

 

 

1 „Sagen aus Mecklenburg“ von Siegfried Neumann

2 Gedenktafel im Ort Retschow

3 „Mecklenburg’s Volkssagen“ von Albert Niederhöffer

4 Kirche Berendshagen

 

 

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